Yoana Tuzharova

warmlight

 

Text: Jens Bülskämper

In ihrem Environment „warmlight“ inszeniert Yoana Tuzharova das Unwahrscheinlichste als Normalfall: Ein Plattenbausample aus ihrer bulgarischen Heimatstadt Russe erhebt sich als architektonisches Displacement vor den Passanten am Münsterschen Hafenweg 22.

 

Die bipolaren Kräfte, die das Momentum dieser Arbeit ausmachen, wurzeln im Bild des Plattenbaus selbst. Wie wenige andere Wohnformen eignet sich diese sowohl für utopische, als auch dystopische Projektionen auf sie. Als, nun ja, demokratisches Modulsystem steckt in der Platte das Angebot bezahlbaren Wohnens für alle. Gleichermaßen kann diese Vorstellung des guten Lebens in ein Bild kippen, das an Verelendung, Anonymität, Ghettoisierung denken lässt.

 

Zu wissen, es ist Beton: Allein die Materialidentität changiert zwischen dem angesagten Look stylisher Concept Stores, Büros und Townhouses und dem Grundstoff, aus dem die Bauteile eines Plattenbaus gegossen werden.

 

Die Aspekte „Licht“ und „Wohnen“ als Grundbedingungen des Lebens bestimmen die Ikonographie dieses Eingriffs. Gerade die Vorstellung vom Wohnen als Verortetsein in der Welt unterliegt kontinuierlichen Verschiebungen. Einfluss darauf haben unter anderem die globale Migration und das Unterspültwerden der physischen Existenz durch die digitale. Das ständige Chatten, Kommunizieren und Informieren auf dem Smartphone, während man in der Stadt unterwegs ist, zieht Aufmerksamkeit für die Gegebenheiten der unmittelbaren Umwelt ab. Der Spagat zwischen digitaler und physischer Welt führt zu einer eigenwilligen Absenz des Bewusstseins im öffentlichen Raum.

 

Das alles geschieht vor dem Hintergrund von Büros, die in vielfältiger Weise in diese Prozesse eingebunden sind. Die Datenströme gehen um die Server-Welt, auch eine beruflich und privat motivierte Reise- und Fernreiseaktivität von ungekanntem Ausmaß speist sich ein in diese globalen Bewegungen.

 

Im Zitieren der Materialien ihrer direkten Umgebung – Beton, Glas, Licht – wird die Intervention zur embedded sculpture und assimiliert sich mit dieser Umwelt, nur um dadurch noch stärker ihre kraftvolle Differenz wirksam werden zu lassen. Die Platte steht senkrecht vor horizontaler Architektur, sie inszeniert Wohnen, wo sonst gearbeitet wird. Die Spiegelung der einzelnen Etagenmodule um den Mittelbalkon herum, weist sie als Erfindung aus. Die Lampen in den angedeuteten Wohnungen aber sind echt. Wohnen und Arbeit, Zitiertes und Echtes, Mimesis und Abstraktion: Die Arbeit verschnürt eine Reihe von formalen Gegensatzpaaren, die sich wechselseitig steigern, ja radikalisieren, zu einem Bild voll stiller Kraft.

In der Dämmerung schält sich der Plattenbau immer deutlicher aus seinem Umfeld, bis er spätabends als Monument des Absenten in die Nacht leuchtet. In ihrer soziokulturellen Differenz zum städtebaulichen Status quo der Hafenarchitektur weckt die Arbeit ein historisches Bewusstsein und triggert ein diffuses Gefühl des Verlustes. Der von ihr ausgelöste Phantomschmerz wird zum Memento mori für das Erinnern selbst.

 

Die Kunst, so wie sie sich hier in der Arbeit von Yoana Tuzharova zeigt, ist ein visuelles Esperanto, das seine Wirkung ohne jede Voraussetzung entfaltet. Damit empfiehlt sie sich in besonderer Weise für den urbanen Raum. Sie ist eine echte Kunst der Straße, nicht im Sinne einer dekorativen Gentrifizierungsfolklore, sondern als öffentliche Kunst für alle.

 

Einen Teil ihrer Wirkmacht gewinnt die Arbeit auch aus der Aktivierung genuin künstlerischer Potentiale, die über ihren thematischen Schwerpunkt hinaus ganz grundsätzlich auf die Möglichkeiten der Kunst verweisen. Sie zeigt, dass all das Vokabular von Ortspezifik, vom Vordringen künstlerischer Setzungen in nichtsprachliche, basale Kraftfelder, dass das nicht lediglich wohlmeinender Diskursschmuck ist, nein: Auch eine Skulptur kann uns zutiefst anrühren und es lässt sich nicht mal ganz genau sagen, warum.

 

 

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